Eine kleine Geschichte zur Leistung

Posted by admin on Nov 19, 2008 in Allgemeines |

Leistung ist der Weg, den wir bis zum Ziel zurücklegen.

Die gesellschaftliche Entwicklung ist eben kein Kindergeburtstag.

Und so ist es auch kein Wunder, dass es in der menschlichen Kulturgeschichte immer nur um eines ging: sich einen Teil dieser Arbeit zu ersparen. Deshalb wurden Werkzeuge und Methoden ersonnen und sehr früh, so vor 6000 bis 4000 Jahren vor Christus, die ersten Arbeitsmaschinen eingesetzt. Kulturwissenschaftler nennen sie «die großen fünf». Es sind biologische Kraftpakete, die sich vielfältig nutzen lassen: Schwein, Rind, Schaf, Ziege und Pferd. Unter diesen Biomaschinen, die menschliche Arbeit ersparen, sticht das Pferd besonders hervor. «Wir rackern wie ein Pferd» ist mehr als eine Phrase, sie fasst zusammen, wie wichtig dieses Tier für die Entwicklung des Menschen war. Man konnte das Pferd vor den Karren spannen, mit ihm pflügen und vor allem auch seine Kraft nutzen, um große, für Menschen nur schwer zurückzulegende Distanzen zu überwinden. Die Entwicklung von Handel, Zivilisationen und Kultur ist untrennbar mit dem Pferd verbunden. Warum muss man an Pferde denken, wenn man verstehen will, wie es um die alte und die neue Leistung bestellt ist? Diese Frage hat sich auch der schottische Erfinder James Watt gestellt, vor mehr als 200 Jahren.

Das Problem, vor dem Watt und sein Kompagnon Matthew Boulton standen, war, möglichst vielen potenziellen Käufern ihrer Dampfmaschinen klarzumachen, was diese Maschinen leisten konnten. Das klingt aus heutiger Sicht einfach. Damals war es eine Revolution. Wie sollte sich jemand schon vorstellen können, was eine rauchende, Dampf und Ruß spuckende Stahlkiste an Kraft bringen kann? Die meisten Leute fürchteten sich schlicht vor diesen Monstren. Watts Verdienste werden heute vor allem in der Verbesserung und Entwicklung der modernen Dampfmaschine gesehen, mit der das Industriezeitalter begann. Mindestens ebenso wichtig aber ist seine Rolle als der Mann, der verstand, dass man den Kunden maximale Sicherheit suggerieren muss, wenn man etwas Neues in die Welt bringt.

Man braucht einen Maßstab, etwas, woran man sich orientieren kann. Das gibt Sicherheit, ganz besonders, wenn sich der Maßstab an dem Bekannten, dem Alten, orientiert. Watts also wandte sich dem Pferd zu. Das Pferd war die Kraftquelle Europas, das auch die bekannten Maschinen in Kohlegruben und Mühlen antrieb. Watt errechnete, dass ein Pferd, das ein Mühlenrad antrieb, eine Last von 180 britischen Pfund zog und pro Minute eine Wegstrecke von 55 Metern zurücklegte. Kraft und Strecke multipliziert ergaben eine neue Krafteinheit, die Pferdestärke, kurz PS genannt. Das war genial. Jeder verstand nun, was es bedeutete, wenn eine Dampfmaschine 10, 20 oder gar 30 PS zu leisten imstande war. Bis heute löst allein das Wort PS ein Kribbeln aus. Es ist das Synonym für Kraft geblieben. Längst sind die PS durch eine neue Krafteinheit ersetzt worden, das Watt. Bis heute aber fragen Autokäufer nach den Pferdestärken, wollen die Kraft einer Maschine nach Rössern messen. Es ist einfach handfester, ein Relikt aus einer Zeit, in der alles sichtbare und messbare Kraft war. Ein Arbeiter in einer Fabrik schuftete bald wie ein Pferd, und so wurde auch seine Leistung bemessen. Wie viel PS hat ein Mensch?

Die Welt, in der James Watt lebte, gierte nach Normen und Standards, nach Verlässlichkeit. Zu lange hatte man unter Unsicherheit und Willkür zu leiden gehabt. Je nach Stadt, Region und Land wechselten die Maßeinheiten, mit denen gemessen und gewogen wurde. Revolution. Das bedeutete nicht nur eine Abrechnung mit den alten Herrschaften und ihren Herrscherlaunen. Das war vor allen Dingen auch eine Abrechnung mit ihren Normen, die ihre Macht repräsentierten. Nirgendwo ist der Sieg der Französischen Revolution, der Mutter aller Umbrüche dieser Zeit, so sichtbar wie beim Messen und Wiegen. Kilogramm und Liter und all die anderen metrischen Maßeinheiten sind ihr Produkt. Der Mann, der das an vorderster Stelle betrieb, hieß Pierre-Simon Laplace. Er war einer der größten Gelehrten seiner Zeit. Laplace war so fest davon überzeugt, dass sich alles messen und wiegen lässt, dass er im hohen Alter einen «Dämon» fantasierte, eine Weltformel, mit der sich alle künftigen Ereignisse vorhersagen lassen sollten. Laplace war und ist der Schutzheilige aller Deterministen. Und dennoch hat dieser Laplace der Legende nach an der neuen Krafteinheit des James Watt gezweifelt. Als man ihm in Paris das neue Maß vorstellte, soll er gefragt haben: «Welches Pferd meint Monsieur Watt eigentlich?»

Ja, welches Pferd? Ein Hengst, ein Pony, ein Ackergaul? Eine alte Schindmähre oder ein Pferd, das seit Jahren die Mühle dreht? Ein Vollblut oder einen gemütlichen Isländer? Und selbst unter all diesen Rassen gibt es noch so markante Unterschiede, dass die wahre Pferdestärke zwischen 0,5 und 20 PS beträgt. Doch Unterschiede sind eben zu beseitigen, das ist ein revolutionäres Ziel, das heute allgemein anerkannt wird. Gleichheit ist aber nur durch Nivellierung zu erreichen. In dieser Gleichheit wird dann messbare Kraft fantasiert, beispielsweise in Autos, die 365 PS haben und bei 220 km/h abgeriegelt werden. Man könnte aber, wenn man könnte. Was denn eigentlich? So wurden die Muskeln der Industriegesellschaft tüchtig trainiert; nur das Großhirn kam zu kurz.

quelle: http://www.brandeins.de/home/inhalt_detail.asp?id=2770&MenuID=130&MagID=105&sid=su192166201591076437&umenuid=1



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1 Comment

admin
Feb 13, 2009 at 14:59

Echt!!! ein gelungene Artikel


 

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